WSR027 Weihnachtsfolge: Rotkohl, Zitrusfrüchte, Walnüsse und das umgedrehte Moore'sche Gesetz

Ho, Ho, Ho – Bernd und André sitzen wieder zusammen bei Bernd im Wohnzimmer, um eine kleine Weihnachtsepisode aufzunehmen.

Walnuss (public domain)

Weihnachtliches Essen steht dabei im Mittelpunkt. André hat etwas über die Farbstoffe aus dem  Rotkohl (oder Blaukraut) mitgebracht und eine Erklärung, warum man sich hier nicht auf rot oder blau einigen kann. Bernd hat Naringin zum Wirkstoff des Monats auserkoren und erklärt auch, wo da der Weihnachtsbezug ist. Außerdem berichtet André über die Inhaltsstoffe von Walnüssen und warum er dazu eine ganz besondere Beziehung hat. Zum Abschluss gibt es noch etwas über das Eroom’sche Gesetz, was eigentlich Moore’sche Gesetz rückwärts ist, aber mit Pharmakologie zu tun hat.

(Im Podcast gibt es Kapitelmarken, die den Zwischenüberschriften hier im Text entsprechen, so dass es einfacher ist, bestimmte Teile erneut zu hören. Nicht jede Kapitelmarke hat eine Zwischenüberschrift, manchmal fassen wir mehrere Kapitel zusammen.)

Farbstoff im Rotkohl: Anthocyane

Gläser mit Wasser, ein Probenröhrchen mit brauner Kappe, zwei Probenröhrchen mit roter Kappe
Vor dem Experiment mit Rotkohlsaft

André fängt an mit Richard Willstätter, der den Nobelpreis für Chemie 1915 verliehen bekommen hat, unter anderem für seine Forschung an Anthocyanen. Diese Stoffe kommen in vielen Pflanzen vor, beispielsweise in Brombeeren, Kirschen, und Kornblumen und sind immer blau bis rot. Sie befinden sich sehr weit außen in der Struktur der Pflanzen, um die Zellen vor einfallendem UV-Licht zu schützen. Die Anthocyane absorbieren das UV-Licht und wandeln es in Wärme um.

Der Rotkohl (oder Blaukraut) bekommt seine charakteristische Farbe durch Cyanidin, das zur Gruppe der Anthocyane gehört. Und dazu hat André ein kleines Experimente mitgebracht. Er hat immer etwas Rotkohlsaft in seinem Gefrierfach und gibt jetzt davon etwas in drei Gläser mit Wasser. In das linke Glas kommt dann noch Essig und in das rechte Glas Natron. Durch das saure Essig sinkt der pH-Wert im linken Glas und der Rotkohlsaft wird rot bis rosa, durch das Natron steigt der pH-Wert im rechten Glas und der Rotkohlsaft wird grün, wie im Bild unten zu sehen.

Rotkolhsaft in Wasser, drei Gläser, links mit Essig rosa, mit pures Wasser, blau, rechts mit Natron, grün
Rotkohlsaft in Wasser. Links mit Essig, rechts mit Natron.

Links dazu:

Weihnachtsessen

Bernd und André reden dann darüber, was es bei ihren Eltern jeweils als Weihnachtsessen gab, und bei beiden spielt Rotkohl definitiv eine Rolle.

Wirkstoff des Monats: Naringin

eine aufgeschnittene Grapefruit
Grapefruit (public domain)

Das Naringin ist ein Glycosid, eine Gruppe von Stoffen, deren Moleküle aus einem Teil Zucker und einem “nicht-Zucker” (bezeichnet als Aglycon) aufgebaut sind. Glycoside sind häufig Bitterstoffe und auch das Naringin gehört zu den Bitterstoffen und ist in  der Grapefruit enthalten. Der “nicht-Zucker”-Teil des Naringin heißt Naringenin, der eine interessante Wirkung auf den Körper hat: Dieser Stoff blockiert ein bestimmtes Cytochrom in der Leber, das normalerweise Coffein abbaut. Bernd schließt daraus, dass das einer der Gründe ist, warum einige Menschen zum Frühstück Grapefruitsaft trinken – weil sie dadurch die Wirksamkeit des Kaffees erhöhen.

Das bestimmte Cytochrom, Cytochrom P450, das so vom Grapfruitsaft in der Leber blockiert wird, ist auch unter anderem auch zuständig für den Abbau von Statinen. Das war die Wirkstoffklasse, die den Cholesterin-Spiegel im Blut senken, über die wir in Folge WSR025 Cholesterin gesprochen haben. Bei bestimmten Statinen reicht schon ein Glas Grapefruitsaft, um den Abbau so stark zu hemmen, dass die Konzentration von Statinen so hoch bleibt, dass Nebenwirkungen auftreten können.

Links dazu:

Walnüsse und Essentielle Fettsäuren

Walnuss in der Fruchthülle am Baum
Walnuss am Baum (Public domain)

André macht weiter mit dem Thema weihnachtliche Nahrungsmittel: Walnüsse. Es ist immer mal wieder zu lesen, dass Walnüsse gut sind, wenn man einen erhöhten Cholesterin-Spiegel hat, auch André hat das von seinen Ärzt*innen und vor allem von einer Diätsssistentin gesagt bekommen. Und das ist vollkommen richtig, denn die Walnuss enthält neben sehr vielen anderen guten Dingen  auch Essentielle Fettsäuren (veraltet: Vitamin F), die der Körper nicht selbst herstellen kann. Es gibt zwei Arten essentieller Fettsäuren, die für den Menschen wichtig sind: Omega-3-Fettsäuren und Omega-6-Fettsäuren.

In der westlichen Welt ernährt man sich im Schnitt so, dass das Verhältnis Omega-6-Fettsäuren zu Omega-3 das 15-Fache ist. Man nimmt also 15-mal mehr Omega-6 zu sich als Omega-3, und das ist nicht sonderlich gesund. In Studien wurde herausgefunden (Links weiter unten), dass ein Verhältnis von 4 : 1 sich positiv auf die Gesundheit auswirkt. Genauer gesagt kann dadurch das Risiko einen Herzinfarkt, Arterienverkalkung, oder  einen Schlaganfall zu erleiden verringert werden. André weißt aber darauf hin, dass man darauf achten muss, nicht einfach mehr Omega-3-Fettsäuren zu sich zu nehmen, da man so dann ja auch mehr Fett auf nimmt. Wichtig ist es, Nahrungsmittel zu kennen, die einen hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren haben, und diese geschickt in den Speiseplan aufzunehmen. Und die Walnuss ist da definitiv ein heißer Kandidat, besonders wenn man, wie André, nicht so gerne Fisch mag.

André gibt auch noch einen Einblick, wie er seine Ernährung umgestellt hat und die Walnüsse in seinen Speiseplan aufgenommen hat, ohne zu viel Fett zu sich zu nehmen und gleichzeitig etwas leckeres zu sich nimmt, das auch sättigend wirkt.

Links zu den Studien, die André angesprochen hat, und aus denen er die Zahlen hat:

Eroom’s Law – der böse, kleiner werdende Bruder des Moor’s Law

Bernd hat dieses Thema mitgebracht, weil ihm in letzter Zeit viele Bücher über Dystopien  gesehen  hat (z. B. hier), die das dunkle Zeitalter von Big Data und KI ankündigen. Unter anderem gab es dort Thesen wie “Die Computer werden immer schlauer und die Wissenschaftler immer dümmer”, was sowohl Bernd als auch André… für völligen Quatsch halten. Um diese steile These zu untermauern, wurde das Eroom’sche Gesetz (Eroom’s Law, englische Wikipedia) angeführt, das sich eigentlich retrospektiv mit der Neuzulassung von neuen Wirkstoffen als Medikament beschäftigt. Eroom’s Law ist eigentlich Moore’s Law rückwärts geschrieben.

Die Zahl der Neuzulassungen von neuen Wirkstoffen hat sich in der Vergangenheit etwa alle neun Jahre halbiert. Allerdings ist dieses Gesetz nicht dafür gedacht, in die Zukunft zu blicken, sondern als Instrument  zur Analyse der Vergangenheit. Daher gibt es auch vier verschiedene Aspekte, die in Eroom’s Law beinhaltet sind, die diesen Rückgang erklären.

  • Das “Besser-als-die-Beatles”-Problem
  • Der vorsichtige Regulierer
  • Das liebe Geld (throw money at it)
  • Basic-reseach burte-force

Diese Punkte besprechen Bernd und André ausführlich.

Bernd erklärt seine Sichtweise und warum er keine Angst vor Big Data hat, sondern eher im Gegenteil: Die Datenfülle in der Wirkstoffforschung ist für ihn ein Segen. Seine tägliche Arbeit befasst sich mit Big Data und viele Dinge könnte er gar nicht mit der existierenden Datenfülle über Moleküle und Verbindungen wirklich arbeiten. Er ordnet dies im Podcast detailliert ein.

Big Data und KI

André fast die von Bernd beschriebene Panik-Mache zu Thema Big Data und KI nocheinmal kurz zusammen und er macht ein Problem bei diesen Begriffen aus. Sie sind schwer zu greifen, kaum jemand, der nicht von Berufswegen damit befasst ist, weiß gar nicht genau was denn Big Data und KI sind, und das führt zu Unsicherheit und damit auch zu einer einfachen Möglichkeit, Angst zu machen und etwas zu verteufeln.

Termine

Bernd und André sind auf dem 36. Chaos Communication Congress (36c3) in Leipzig und dort auch in das “Science Communication Center” involviert. Jede/r Wissenschaftler*in ist herzlich eingeladen, sich unter scc@wirkstoffradio.de zu melden, um zu sehen wie sie oder er sich einbringen kann, wenn Interesse da ist. Es wird ein kleines Programm geben, das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest steht – jeder kann gerne vorbei kommen.

Neue Folge mgg-Podcast über Pflege

André hat eine neue Episode seines Podcasts mal ganz grundsätzlich (mgg) veröffentlicht und zwar zum Thema Pflege. Die dritte Folge, ebenfalls zum Thema Pflege wird auch bald heraus kommen. Hier die Links:


Wir freuen uns immer über Feedback: per Mail unter info@wirkstoffradio.de, in den Kommentaren unter den einzelnen Episoden, über Twitter @wirkstoffradio oder auch als Bewertung bei iTunes oder panoptikum.io.

Wirkstoffradio-Feedback-Telefon +49 (0)30 746 910 64

avatar
André Lampe
Creative Commons Lizenzvertrag
Wirkstoffradio ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.